„Italien investiert nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit“

In den letzten 40 Jahren wusste oder wollte die italienische Politik dem Thema Energie oder der Klimakrise nicht begegnen. Die Regierung von Mario Draghi ist da keine Ausnahme, in der wir erstmals einen Minister für die Energiewende bekommen haben, nur dass Minister Cingolani einen völlig falschen Weg eingeschlagen hat, weil er noch nicht verstanden hat, dass es notwendig ist, viel mehr in erneuerbare Ressourcen zu investieren und so schnell wie möglich auf fossile Brennstoffe verzichten. Noch alarmierender sind die Aussichten für die Zukunft: Auf katastrophale Sommerhitze und Dürre folgen verheerende Überschwemmungen, ein weiterer Beweis dafür, dass die Folgen des Klimawandels keine Angelegenheit künftiger Generationen, sondern unser Problem hier und jetzt sind. Das Klimathema sollte im Wahlkampf ganz vorne stehen, da unsere Existenz, Gesundheit, hydrogeologische Sicherheit, Energie, Landwirtschaft und andere wirtschaftliche Aktivitäten, ja sogar Migrationsströme davon abhängen. Es scheint absurd, aber es wird nicht einmal kurz vor den Wahlen darüber gesprochen.

Das ist das wenig ermutigende Bild von Italien, das der Staatspräsident der Legambiente Stefano Ciafani am Freitag in Ronka im Gespräch mit der Journalistin Elisa Cozzarini präsentierte. Der Abend war der vierte und letzte einer erfolgreichen Reihe zum Thema Klimawandel, organisiert vom Marktklub Legambiente und dem Kultur- und Journalistenverein Leali delle Notizie aus Ronk.

Ciafani ist dem heiklen Thema der Gasknappheit als Folge der Konfrontation zwischen dem Westen und Russland um die Ukraine nicht ausgewichen. „In dieser Situation ist es zwingend erforderlich, andere Lieferanten dazu zu bringen, russisches Gas zu ersetzen, sonst wird es im Winter wirklich hart für uns“, sagte er, warnte aber, dass es nur eine kurzfristige Lösung für die Fehler der Vergangenheit sei . Die Erbsünde der italienischen Politik besteht darin, dass sie weiterhin alles auf Gas und andere fossile Ressourcen setzt und nicht genug in die bereits völlig ausgereifte Technologie der nachwachsenden Rohstoffe investiert. Benzin ist teuer und muss importiert werden, Sonne und Wind sind kostenlos und davon haben wir reichlich. Wir müssen uns nur entscheiden, in nachwachsende Rohstoffe zu investieren.

Er erinnerte daran, dass Naturschützer vor 40 Jahren davor gewarnt hätten. „Nicht weil wir Propheten waren, sondern weil wir Wissenschaftlern zugehört haben“, sagte er. Schon vor der Volksabstimmung über die Abschaffung der Kernkraftwerke 1987 befürwortete Legambiente die Nutzung von Gas, allerdings nur für den damals notwendigen kurzfristigen Übergang zum Vollausbau erneuerbarer Energien. „Die Technologie der Photovoltaik- und Windnutzung war damals noch nicht massentauglich. Heute ist sie es, aber Italien ist spät dran, es investiert nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit.“ Anders in Deutschland, wo die Regierung einen Klimaplan verabschiedet hat, wonach bis 2035 alle fossilen Stromquellen durch erneuerbare ersetzt werden sollen, „auch wenn sie weniger Sonne haben als wir“.

In Italien haben wir einige glänzende Beispiele. „Wir waren Pioniere der grünen Chemie, in Montedison haben sie abbaubare Biokunststoffe erfunden, Pionierunternehmen entwickeln innovative Energiepatente“, aber keine Regierung hat dieses Potenzial unterstützt, stellt Ciafani bitter fest. Schlimmer noch: Bürokratie und Ignoranz setzen der Nutzung nachwachsender Rohstoffe absurde Hindernisse in den Weg. Ein paradoxes Beispiel stammt aus Taranto, wo die Umwelt durch Hunderte von Schornsteinen des Ilva-Stahlwerks, einer Raffinerie, zwei Verbrennungsanlagen und anderen umweltschädlichen Anlagen vollständig entstellt ist. Und doch blockierte die Denkmalpflege 14 Jahre lang den Bau eines kleinen Windparks mit zehn 3-Megawatt-Windrädern mit der Behauptung, dies würde das Erscheinungsbild der Umwelt beeinträchtigen. „Inzwischen hat sich die Windtechnik weiterentwickelt, heute werden 15-Megawatt-Windräder errichtet. Für die Produktion von 30 Megawatt würden zwei ausreichen, und in Taranto wurden in diesem Jahr zehn davon mit 14-Jährigen für den Zweck übergeben 3-Megawatt-Technologie“.

Fast ausnahmslos weigern sich die Denkmalbehörden, in den Innenstädten Photovoltaikzellen auf die Dächer zu stellen, die Gebäude sind voll von noch hässlicheren Fernsehantennen, Satellitenschüsseln und Klimaanlagen. Es ist eine Frage des Mangels an Kultur und des Mangels an politischen Wahlmöglichkeiten. Es gibt nur ein leuchtendes Beispiel in Rom, aber auf der anderen Seite des Tibers, im Vatikan, wo das Dach der Nervi-Halle direkt neben St. Peter mit Photovoltaikzellen bedeckt ist. „Ein Monument auf einem Monument, das die Umwelt in keiner Weise verdirbt“, sagte Ciafani. Die heutige Technologie macht es möglich, schwimmende Windparks im offenen Meer zu installieren, wo es mehr Wind und keine Umweltbelastung gibt. „Wenn wir endlich anfangen, in Windkraftanlagen zu investieren, werden wir in der Lage sein, die Schornsteine ​​von Wärmekraftwerken wie dem in Tržič abzureißen, das mit sehr umweltschädlicher Kohle betrieben wird“, warnte er. Politik und Staatsapparate operieren noch immer unter dem Druck fossiler Großkonzerne. Wie sonst ist zu erklären, dass in Ravenna in 4 Monaten ein Vergaser gebaut wurde, der Plan für einen Offshore-Windpark aber seit 4 Jahren vergeblich auf Baugenehmigungen wartet?

Ciafani ging auch auf das Thema Kernenergie ein. Es gebe keine sichere Kernenergie, sagte er. Derzeit sind die modernsten Reaktoren zwei Generationen 3+ in Finnland und der unvollendete in Flamanville, Frankreich. Beide sind seit 14 Jahren im Bau, die Kosten überstiegen die Planung um das 3- bis 4-fache, und schließlich bleiben alle Probleme der Sicherheit und Lagerung von bis zu 25.000 Jahren radioaktivem Abfall offen. Die viel gepriesene 4. Generation von Kernkraftwerken, die mit ihrem eigenen radioaktiven Abfall betrieben würden, gibt es noch nicht. Sie forschen seit 20 Jahren daran, und sie werden wahrscheinlich noch viele weitere brauchen. Infolgedessen steigt die Welt schrittweise aus der Kernenergie aus. Es werden zwar einige neue Atomkraftwerke gebaut, aber eher aus geostrategischen als aus energetischen Gründen und zur Gewinnung von Plutonium für Atombomben, und mehrere alte wurden inzwischen stillgelegt.

Schließlich forderte ihn der Zuhörer heraus, indem er fragte, wen wir nächsten Sonntag wählen sollten. „Mir ist es selbst sehr peinlich“, gab Ciafani zu. „Sicherlich keine der Parteien, die die Atomenergie unterstützen“, sagte er und schätzte ein, dass diese Programme bestenfalls das Ergebnis von Oberflächlichkeit und Ignoranz, wenn nicht gar bewusster Manipulation seien. Er wird unter anderem die Klima- und Energievorschläge auf ihre Ernsthaftigkeit prüfen, auch wenn ihm eine politische Kraft fehlt, die nach dem Vorbild der deutschen Grünen ein umfassendes, klares und pragmatisches Programm zu diesem Thema hätte.

Hildebrand Geissler

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